26. Sonntag im Jahreskreis | 27. September 2020 | Abt em. Laurentius Schlieker OSB 

 

Foto ©congerdesign / cc0 –pixabay.com
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Wie betest du?

 

Diese Frage hat der Jesuit Vitus Seibel einigen seiner Ordensmitbrüder gestellt und sie gebeten, die Frage möglichst knapp zu beantworten. Achtzig von ihnen, zwischen 27 und 89 Jahre alt, gaben persönlich Zeugnis von ihren Gebetserfahrungen und -gewohnheiten, Kämpfen, Krisen und Wandlungen, von Kontinuität und Routine, von Zeiten des Verstummens, aber auch innerer Berührungen. Nach Ignatius von Loyola soll jedes Mitglied der Gesellschaft Jesu suchen und sich auf die Weise des Betens einlassen, bei der sich ihm Gott am meisten mitteilt. Das ist eine weise Empfehlung.  

„Wie betest du?“ Eine gute Frage. Ich gehöre zu einer betenden Klostergemeinschaft, beteilige mich an deren Gottesdiensten. Wenn auch oft mit meinen Gedanken woanders, kann ich mich jederzeit einklinken in die gesungenen oder gesprochenen Texte. Psalmen und Lieder werden nicht automatisch zum Gebet, sie geben mir Gelegenheit dazu. Sie unterstützen auch mein privates, persönliches Beten. Das ist stets sehr bescheiden. Was das Gebet in Gang setzt, ist oft nur ein Satz, ein Bild, eine Melodie, eine innere Vorstellung oder aber konkrete Menschen, denen ich Fürbittgebete und Segen versprochen habe, manchmal auch nichts Benennbares. Es geht mir beim Beten nicht um ein Tun, sondern darum, in mir Jesus Christus zu treffen, der immer schon da ist. Ich will nur hören, zuhören, dazugehören. Ihm möchte ich das Sagen überlassen.

Mir genügen die offiziellen Gebete des Tages oder Bibeltexte, die ich auswendig weiß und die ich „herbeirufen“ kann. Dann klingen in mir die Botschaften, von denen ich zehre: Du bist mein geliebter Sohn. An dir habe ich Gefallen (Mk 1,11), oder Ihr seid meine Freunde (Joh 15,14). Ich schwinge mich ein im regelmäßigen Atem, mal mit, mal ohne sich wiederholende Formeln, oft wortlos und bildlos. Es muss nichts dabei herauskommen. Es ist schon viel, wenn sich ruhige Momente „im Auge des Sturms“ einstellen. Sogar aus meinen Zerstreuungen kann sich ein Gebet zusammensetzen. Oft genug rede ich gegen die Wand: gegen meine eigene, aber in alldem bin ich wie ein Loch in einer Flöte, die der Atem Christi durchströmt (Richard Rohr).

Im Gebet hat alles was mich beschäftigt Platz: die Familie, die Ordensgemeinschaft, Freundinnen und Freunde, vergangene Situationen, an denen ich immer noch festhake, dann die Spannung in den Gegensätzen von Freude-Trauer, Geselligkeit-Einsamkeit, Sorge-Muße, Dankbarkeit-Ärger. Das lasse ich von der Liebe Gottes durchdringen und gebe es vertrauensvoll ab. Aber es gibt auch das Ausbleiben von Trost, die Ratlosigkeit bleibt. Dazu kommt mir eine Zeile von Paul Celan in den Sinn, die mich seit über 50 Jahren begleitet: Bete zu uns, wir sind nah! Ich rufe zu Christus, er möge in meiner Finsternis auferstehen, die Trennungen überwinden, die Leere füllen. Die vielen Nöte und Katastrophen der Welt, die ich in mir trage, finde ich auch in den Psalmen wieder – und die Einsicht, dass Gottes Pläne für uns viel größer sind, als ich mir vorstellen kann. Gott antwortet auf seine Weise, sein Geist weht, wo er will. Da seine Antwort Liebe ist, enthält sie mehr und anderes als nur die Erfüllung meiner Wünsche. Das genügt: Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28).

 

Gebet kann sich aber auch nur im einfachen Da-Sein ereignen, wenn ich bei meinen Gedanken, Vorstellungen, Gefühlen still verweile, den Augen-Blick ganz annehme, im Wahrnehmen meiner Sinne mich anschauen lasse. Gebet ist immer Gnade, Geschenk. Schon wenn ich damit anfange, hat der Heilige Geist eine Begegnung vorbereitet und die mögliche Erfahrung, ein Heiligtum Gottes zu sein:

Ich in euch und ihr in mir (Joh 14,20). 

 

Ein alter Mann konnte stundenlang still in der Kirche sitzen. 

Eines Tages fragte ihn ein Priester, worüber Gott mit ihm spräche. 

„Gott spricht nicht. Er hört nur zu”, war die Antwort. 

„Was redest du dann mit ihm?“ 

„Ich spreche auch nicht. Ich höre nur zu.“ 

Die vier Stufen des Gebetes: Ich spreche, du hörst zu. Du sprichst, ich höre zu. 

Keiner spricht, beide hören zu. 

Keiner spricht, keiner hört: Schweigen                                                                                                                                                                                                                  (Anthony de Mello)

 

 

Und wie betest du?