Osternacht 2021 | Predigt von Jürgen Schmidt

 

Munteres Marktgeschehen am Samstagmorgen.

Vielfältige Düfte und Farben, bunte Blumen und frisches Gemüse, viel Natur und wenig Konserve, alles in den Korb gepackt, und ganz nebenbei: Leute treffen – unter freiem Himmel.

 

An diesem Samstagmorgen gab es eine Besonderheit:

Mitglieder unseres Gemeinderates verschenkten Osterkerzen. Und sie erlebten: aus diesem Ereignis entwickelten sich Gespräche, über Gott und die Welt, über Glaube und Kirche, beim Einkauf neben der Basilika.

 

Und die Vorstellung, dass diese (und andere) Kerzen heute Abend in vielen Häusern brennen, verbindet uns hier in der leeren Kirche mit Menschen in Haarzopf und Heidhausen, Fischlaken und Bredeney, in Werden und vielleicht sogar darüber hinaus.

 

Brennende Kerzen, kleine leuchtende Signale, die uns verdeutlichen:

kein Virus der Welt wird uns bezwingen und auseinander treiben.

Auch wenn wir müder und misstrauischer, sogar dünnhäutiger geworden sind:

wenn doch der Spuk endlich vorüber wäre und der ausgebreitete Flickenteppich bald zusammengerollt würde.

Ein Licht am Ende des Tunnels – das täte uns gut.

Genau deshalb feiern wir Ostern.

 

Wir bleiben beieinander, wenn auch nicht an einem Ort, so doch an vielen Orten.

Wir bleiben verbunden, wenn auch nicht um einen Tisch, so doch an vielen Tischen.

Wir bleiben zusammen, weil wir eine Mitte haben, die uns niemand nehmen kann.

 

Wir glauben an einen Gott,

der die Welt geschaffen hat und darin den Menschen,

der dem Wasser eine Grenze setzt und seinem Volk die Rettung bringt,

der dieses Volk nicht seinem Schicksal überlässt, sondern mit ihm einen neuen Bund schließt.

Diese Geschichte Gottes wird uns in dieser Nacht vor Augen geführt und in Erinnerung gerufen.

 

Doch damit nicht genug. Das Größte steht noch aus: der Sieg des Vaters über den Tod des Sohnes.

Kein Tod ist weltweit so bekannt wie dieser Tod.

Kein Tod hat die Welt so verändert wie dieser Tod.

Denn dieser Tod wurde überwunden,

durch die Auferstehung Jesu.

 

Das ist der Aufbruch einer neuen Bewegung.

Sie hat die Antike überdauert,

blieb lebendig als große Reiche untergingen,

breitete sich aus über die Erde,

erntete neue Früchte und fasste Fuß in unserer Mitte.

 

Das hat Gott gewirkt – gewiss,

aber dahinter steht genauso die Leistung von Menschen,

die dieser Botschaft von Tod und Auferstehung Gehör verschafften und sie mit Leben füllten,

die aus der Schatztruhe des Glaubens das Wertvollste entnahmen und weiter reichten.

 

Das Geheimnis der Auferstehung lässt sich nicht auf ein einmaliges Ereignis reduzieren.

Nein, die Auferstehung Jesu setzt sich fort

in Aufbrüchen nach den Niederlagen der Weltgeschichte,

in längst überfälligen Reformen einer altgewordenen Kirche

und genauso in der Umkehr und Nachdenklichkeit jedes einzelnen.

 

Leben ohne Glauben? – so stand es in der Zeitung (DIE ZEIT 31.03.2021).

Für einen Großteil der Deutschen spielen Religion und Kirche keine Rolle mehr.

Und doch hört die Suche nach dem Sinn des Daseins nicht auf.

Und berichtet wurde vom Chefarzt einer großen Klinik.

Was für ihn Glauben bedeute – wurde er gefragt.

Und geantwortet hat er: Ich bin nicht fehlerfrei und stoße an Grenzen.

Aber dass mein Dasein Sinn hat, dieser Glaube stimmt mich heiter und gelassen.

 

Ostern setzt uns in Alarmbereitschaft, wie Sonden und Seismographen,

die unter dem Geröll des Alltags und an den Abgründen des Lebens,

in den Schluchten des Schmerzes und den Tälern der Trauer

den Ruf nach Sinn und den Schrei nach Erlösung wahrnehmen.

Dabei sind wir keine Maschinen, wir sind Menschen,

keine Geräte, bestenfalls Gefäße, in denen der Glaube zerbrechlich bleibt, gelegentlich sogar abhandenkommt.

 

Ostern ist kein glanzvolles Ereignis, bei dem am Ende nur die Sieger in Erinnerung bleiben.

Ostern ist ein Fest für alle,

für die Gewinner und die Verlierer, für die Starken und die Schwachen,

für die Heiteren und die Betrübten, für die Gelassenen und die Ungeduldigen,

für alle, die nach Sinn suchen oder ihn schon verloren haben.

 

Lassen Sie uns Ostern feiern, das auch in diesem Jahr auf viele äußerliche Formen verzichten muss.

Lassen Sie uns Ostern feiern, mit dem, was an diesem Fest das Wichtigste ist:

laden wir den lebendigen Christus in unsere Häuser ein,

damit er Platz nehme an unseren Tischen und uns mit seinem Licht erleuchte,

heiter und gelassen in Einem. Amen

 

Jürgen Schmidt (Propst)

 


Wochenimpuls | 28. März 2021|Palmsonntag | Frank Kühbacher

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

am heutigen Palmsonntag spielt ein Esel eine im wahrsten Sinne des Wortes „tragende Rolle“: Auf ihm zieht Jesus Christus in Jerusalem ein. Also nicht hoch zu Ross, sondern auf einem einfachen Lasttier.

 

Das ist vielsagend! Denn auf einem Esel zieht niemand in den Krieg, und mit einem Esel werden auch keine Schlachten gewonnen.

 

Ein Esel ist völlig spektakulär. Aber er war und ist bis heute für viele Menschen wichtig. Denn auf einem Esel transportiert man Lasten, bringt man die Ernte nach Hause, auf ihm schleppt man Wasser aufs Feld. Ein Esel ist alltäglich – aber er dient dem Leben.

 

So wie dieser Esel Jesus nach Jerusalem bringt, so soll die Kirche Jesus Christus zu den Menschen bringen:

 

 

Nicht auf dem hohen Ross, sondern auf Augenhöhe.

Nicht mit Pomp und großem Getöse, sondern in Demut und Schlichtheit.

Nicht hoch-, sondern liebenswürdig. Nicht um zu herrschen, sondern allein, um zu dienen.

 

Denn so ist dieser neue König: Ein Mensch, dem nicht zugejubelt wird aus Angst und Furcht, sondern aus Freude, weil er eine gute Nachricht bringt – und Frieden.

 

Diesen König zu den Menschen zu tragen, das war damals der Dienst eines Esels. Und heute ist das der Dienst der Kirche. Es ist unser Dienst.

 

Möge uns durch diese Heilige Woche die Frage begleiten:

 

Was „transportieren“ wir von Jesus in unseren Alltag, in unsere Welt hinein?

Was erfahren die Menschen von Jesus, wenn sie uns begegnen?

 

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen und Euch

 

Frank Kühbacher (Diakon)