Altenberger Licht 2021 - UNVERHÜLLT

Aussendungsworte

von Diözesanjugendseelsorger Pfr. Dr. Tobias Schwaderlapp am 1.Mai 2021

 

Wie viele Schichten von Schleiern umgeben und umhüllen uns? Wie tief muss man graben, um zu meinem wahren Ich vorzudringen? Und wie sieht das aus? Wie sieht die Wahrheit, meine Wahrheit aus, wenn sie ihrer ganzen Verkleidung beraubt ist? Was verbirgt sich hinter der Maske meines Alltagsgesichts?

 

Was sich verbirgt, ist eine kostbare Schönheit! Die Schönheit eines Menschen, der unendlich gewollt und geliebt ist. Die Schönheit eines Lichts, das ganz tief in dir brennt und das dir keiner nehmen kann. Die Schönheit, die du hast, weil du einzigartig und geliebtes Kind Gottes bist. Die Schönheit und Würde, die du selbst wahrscheinlich allzu oft vergisst.

 

Deshalb braucht es Momente der Enthüllung. In meinem Leben trage ich so viele Masken und Gesichter, dass ich manchmal mein eigentliches Ich vergesse. Dass ich vergesse, dass mein Wert nicht von dem abhängt, was ich leiste, was ich kann und wie ich mich präsentiere. Ich bin unendlich kostbar, weil ich gewollt und geliebt bin.

 

Für all das steht dieses Licht und diese Fackel, das Altenberger Licht 2021. Es ruft uns die tiefste Quelle unserer Würde in Erinnerung, die Quelle unserer Hoffnung und unserer Freude. Die Tatsache, dass hinter all deiner Unsicherheit und Angst, hinter jeder Sorge um Gegenwart und Zukunft – dass hinter all dem eine Flamme lodert, die nie und nimmer verlischt.

 

Es ist die Flamme Gottes selbst, das Feuer seines Geistes. Unverhüllt, hier in dieser Fackel – und in dir selbst – brennt dieser Geist, der die Liebe und das Leben ist. Hier brennt das Ja-Wort Gottes zu uns Menschen und zu seiner Schöpfung. Hier brennt ein Feuer, das alle Traurigkeit verbrennt und Freude entzündet.

 

Lasst darum den Kopf nicht hängen, lasst euch nicht unterkriegen: von keiner Unsicherheit und keinem Zweifel, von keiner Frustration und keiner Angst. Am Ende siegt das Licht! Dieses Licht, was ihr nun in den Händen haltet und das von hier aus wachsen soll. 

 

So harmlos es aussieht: dieses Licht hat eine unendliche Macht zur Heilung und zum Guten. 

Lasst es wachsen in euren Herzen, in euren Gedanken, in euren Worten und in euren Taten. Teilt es! Lüftet alle Schleier der Nacht und der Mutlosigkeit. Lasst das Licht des neuen Tages leuchten, das Licht des Friedens und einer Hoffnung, die uns keiner nehmen kann!

 


Gedanken zum Motto des Altenberger Lichts 2021

 

Tobias Schwaderlapp, Diözesanjugendseelsorger und Rektor von Haus Altenberg, über das diesjährige Motto Unverhüllt

 

Unverhüllt – „Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“ (Mt 10,26)

 

„Seht, der Mensch!“ (Joh 19,5). Eine berührende Szene aus der Leidensgeschichte Jesu, die uns jedes Jahr am Karfreitag begegnet: Pilatus lässt Jesus vorführen, entkleidet, unverhüllt, mit der Dornenkrone auf dem Kopf, frisch verprügelt. „Guckt ihn euch an, die Witzfigur. Seht, wie erbärmlich dieser Mensch ist…“

 

Hier wird die Enthüllung zur Erniedrigung. Das Schutzkleid der Menschenwürde ist Jesus genommen, geraubt worden.

 

Verhüllung hat etwas mit Würde zu tun und mit Selbstbestimmung. Ich kann selbst entscheiden, was ich von mir zeige. Ich habe eine Intimsphäre, die niemanden etwas angeht. Niemand hat ein Recht auf meine intimsten Gedanken. Mich unverhüllt zu zeigen, ist ein Moment von großem Vertrauen, damit auch von großer Verletzlichkeit, und deshalb ein ganz starkes Zeichen der Liebe und Freundschaft. Wenn es in Freiheit geschieht!

 

Verhüllung also als Schutz.

 

Es gibt aber auf jeden Fall auch eine Verhüllung, die stört, und sogar eine Verhüllung, die einfach unrecht ist. Die Verhüllung von Einkünften zum Beispiel, wenn damit Steuern umgangen werden. Oder wenn großes Unrecht einfach klammheimlich unter den Teppich gekehrt wird, nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“

 

Aber ganz praktisch und viel alltäglicher (und so kamen wir ursprünglich aufs Motto) sind eine störende Verhüllung natürlich auch die Masken, an die wir uns im vergangenen Jahr gewöhnen mussten. Wo immer wir uns von Mensch zu Mensch begegnen, haben wir mittlerweile eine Maske im Gesicht. Sie schützt uns und Andere natürlich und muss deshalb sein – aber sie verhindert eben auch, dass wir uns sehen.

 

Und das löst ja etwas in uns aus.

 

Wenn wir uns auf der Straße begegnen, in der Schule oder im Büro, dann begegnen wir uns maskiert, den Gesichtsausdruck der Anderen können wir nur erraten und unseren eigenen nicht richtig zeigen. Ich kann nicht mehr auf den ersten Blick sehen, ob jemand mir zugewandt ist, mit einem Lächeln begegnet, Bekannte erkenne ich oft gar nicht oder peinlich spät – und alles wird distanzierter, kälter, unpersönlicher. Und manchmal, wenn ich ganz ehrlich bin, greift ein bisschen Einsamkeit nach meinem Herzen, einfach weil mir so viele liebe und liebevolle Gesichter fehlen. Zum Glück haben wir zwar Videokonferenzen – aber so ganz ersetzen können sie eben doch nicht die vielen echten Begegnungen im Alltag.

 

Und so wächst die Sehnsucht nach dem Echten. Nach echter Mit-Menschlichkeit. Menschen unverhüllt zu sehen, von Menschen unverhüllt gesehen zu werden. Und dann unverhüllt gern gehabt zu werden und es zu merken. Wir brauchen einfach ein Gegenüber, das uns anschaut und Ja zu uns sagt, wie wir sind.

 

Weil wir Menschen sind – und Gottes „Ebenbilder“.

 

Wir ähneln ja einem Gott, der uns genau so gewollt und ausgedacht hat: mit der Fähigkeit zur Intimität, zur Selbstoffenbarung und zur Liebe. Mit dem Bedürfnis nach Intimität, Selbstoffenbarung und Liebe. Wo dieser Durst gestillt wird, da ereignet sich Frieden, da wird echter Friede spürbar. Wo ich merke, hier bin ich angenommen und bejaht, willkommen, so wie ich bin, hier kann ich mich sehen lassen, da wächst ein Raum des Friedens, der Stimmigkeit, der Ruhe, der Kraft und des Lichts. Wo ich nicht nur akzeptiert bin, weil ich irgendeine Rolle oder Aufgabe erfülle – sondern wo ich angenommen und geliebt werde, einfach nur, weil es mich gibt, da merke ich: hier bin ich gern, hier ist ein guter Ort.

 

Das Altenberger Licht 2021 soll für euch ein solcher Ort und ein solcher Moment sein, soll zumindest Hoffnung machen, dass es das alles gibt. Ein Moment des Lichtes und der Kraft, ein Moment des Friedens. Ein Moment der Liebe und unverhüllten Freundschaft mit Gott, aber auch ein Moment, der unser eigenes Herz für Andere öffnet. Ein Moment, an dem die unverhüllte Fackel der Freundschaft und des Friedens aufflammen und geteilt werden kann.

 

Wir haben sie, weiß Gott, nötig!